Suchtforscher befürwortet EU-weite Legalisierung von schwedischem Oraltabak

Zur aktuellen Tabakpolitik in Deutschland meinen einige, um jeden Preis möge man die Zahl der aktiven Zigarettenraucher senken. Einer, der sich nun sogar für eine Legalisierung von tabakhaltigem Snus ausspricht, ist der deutsche Suchtforscher Prof. Dr. Heino Stöver. Wie er dies tut und welche Gründe er anführt, erfährst du hier.

Tabakrauchen in Deutschland - erschreckende Zahlen

Wie aus einer vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie zum Rauchverhalten (DEBRA) hervorgeht, konsumieren über 30 Prozent der deutschen Bevölkerung Zigaretten. Am höchsten fällt die Quote dabei mit fast 40 Prozent unter den 18- bis 24-Jährigen aus.

Für Prof. Dr. Heino Stöver, dem Leiter des Instituts für Suchtforschung Frankfurt (ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), sind solche Zahlen alarmierend. Er sieht zudem in der aktuellen Kommunikation der Gesundheitspolitik, welche sich vor allem auf eine „vermeintlich hohe Verbreitung von E-Zigaretten“ konzentriere – die Quote unter allen Deutschen liegt lt. DEBRA hier nämlich aktuell bei bloß 1,8 Prozent –, eine Schieflage der Debatte. Das tatsächliche Problem, nämlich Tabakrauchen, würde ihm zufolge sohin ignoriert werden.

„Angesichts dieser dramatischen Zahlen muss das Ziel klar sein: die Menschen um jeden Preis von der Zigarette wegzubekommen. Die üblichen Flyer und Raucher*innentelefone reichen offensichtlich nicht aus. Was wir brauchen, ist ein pragmatischer Ansatz, um Raucher*innen von der schädlichsten aller Konsumformen, dem Rauchen von Tabak, wegzubekommen.“

, so Stöver im genauen Wortlaut. Und dieser ergänzt, es sei dabei zweitrangig, ob hier Kaugummis, Verhaltenstherapie oder risikoärmere Aufnahmeformen wie Tabakerhitzer, E-Zigaretten oder Nikotinbeutel bzw. eine Kombination diverser Maßnahmen den Weg ebnen. Um beim Weltnichtrauchertag 2044 nicht immer noch am selben Punkt zu stehen, brauche es seiner Meinung nach einen pragmatischen Ansatz und ein schnellstmögliches Handeln.

Strategie der Schadensminimierung auch für Tabak

Für Stöver scheint klar, den großen Wurf werde man nicht von jetzt auf gleich schaffen:

„Stattdessen braucht es viele kleine Schritte, um die Zigarette langfristig zu besiegen. Die Strategie der Schadensminimierung (engl. Harm Reduction) wird im Bereich der ‚harten‘ Drogen erfolgreich angewendet und steht auch so im Koalitionsvertrag. Das heißt, den Konsument*innen wird eine weniger schädliche Konsumform ermöglicht. Wir sollten auch den Tabak als ‚harte‘ Droge sehen und entsprechend handeln. Jede nicht gerauchte Zigarette ist ein Erfolg.“

Geringe Krebshäufigkeit in Schweden als „zentrale Parameter“

Ein wahres Kunststück habe man lt. Stöver in Schweden vollbracht – dem Land, dass nahezu als rauchfrei gelte. So weiß der deutsche Suchtforscher zu pointieren:

„Für mich sind die schwedischen Zahlen zur geringen Krebshäufigkeit die zentralen Parameter einer gelungenen Tabakkontrollpolitik. Schweden ist nicht nikotinfrei, hat mit Snus – also Oraltabak – und Nikotinbeuteln aber ein wahres Kunststück vollbracht – nämlich ein nahezu rauchfreies Land zu werden. Die EU leistet sich aber dennoch weiterhin eine paradoxe Tabakkontrollpolitik: Zigaretten sind überall verfügbar, obwohl sie erwiesenermaßen bis zu zwei Drittel ihrer langjährigen Anwender*innen töten. Ein risikoreduziertes Produkt wie Snus aber ist, außer in Schweden, EU-weit verboten, obwohl es nachweislich das Tabakelend lindert sowie Krankheiten und den Tod zurückdrängt. Das ist zu eindimensional und offensichtlich seit Jahrzehnten nicht erfolgreich.“

Damit befürwortet der deutsche Suchtforscher mindestens implizit eine EU-weite Legalisierung von tabakhaltigem Snus.

Ein grundlegendes Umdenken nach dem schwedischen Vorbild sei Stöver zufolge nun erforderlich, damit die deutsche Bundesregierung ihre selbst gesteckten Ziele auch erreichen könne. Damit spricht sich der Suchtforscher also insbesondere für eine Legalisierung des schwedischen Oraltabaks in Deutschland aus und so auch für eine Verkaufsfreigabe. Denn aktuell ist, wenn auch sein Konsum nicht illegal ist, der Verkauf und das gewerbliche Inverkehrbringen des tabakhaltigen Snus in Deutschland, anders als in Schweden, nicht erlaubt.*

* Vgl. hierzu: https://www.bundestag.de/resource/blob/934682/76303f347908f93e947d4d86ffd36a94/WD-5-002-23-pdf-data.pdf