Snus entstand im 18. Jahrhundert in Schweden, als Bauern gemahlene Tabakblätter mit Wasser und Salz vermischten und die Mischung unter die Oberlippe legten. Seine Wurzeln reichen jedoch weit zurück: Tabak wurde schon vor mindestens 12.000 Jahren genutzt und gelangte 1560 nach Europa. In Schweden ist Tabakimport erstmals 1601 belegt.
Aus einem trockenen Schnupftabak, für den sich einst der französische Adel begeisterte, entwickelten schwedische Bauern im 18. Jahrhundert ein völlig eigenständiges Tabakprodukt: Snus. Dieses Produkt prägte die schwedische Gesellschaft so nachhaltig, dass Schweden beim EU-Beitritt im Jahr 1993 als einziges Land eine Ausnahmeregelung für seine Snus-Tradition forderte – ein Umstand, der bis heute nachwirkt. Wer die Geschichte von Snus kennt, versteht auch, warum er in Schweden bis heute eine so besondere Rolle spielt.
Seit wann gibt es Snus? Ursprünge und Entstehung
Die Geschichte von Snus beginnt nicht in Schweden, sondern Tausende von Jahren früher. Archäologische Befunde datieren die Verwendung von Tabak auf mindestens 12.000 Jahre zurück – lange vor seiner Ankunft in Europa und lange vor der Entstehung von Snus. Damit zählt Tabak zu den ältesten Konsumgütern der Menschheit. Als Kolumbus die „Neue Welt“ erreichte, wurde das Blatt, das wir heute als Tabak kennen, dort bereits seit Jahrtausenden gekaut und geraucht. Erst im Jahr 1560 gelangte Tabak nach Europa, als der französische Botschafter in Portugal, Jean Nicot de Villemain, Tabaksamen an den französischen König schickte.*1
Was sich am französischen Hof rasch zum Statussymbol und Luxusprodukt des Adels etablierte, hatte mit dem heutigen Snus nur wenig gemein: Der sogenannte Schnupftabak war ein trockenes, fein gemahlenes und aromatisiertes Tabakpulver, das nasal konsumiert wurde. Insbesondere bei Hofdamen war Schnupftabak sehr beliebt, da er im Vergleich zu anderen Tabakformen als diskreter und gesellschaftlich angemessener galt.
Seinen ersten Popularitätshöhepunkt erlebte der Tabak um 1600, allerdings nicht als Genussmittel, sondern als vermeintliches Heilmittel. Die Medizin jener Zeit schrieb ihm eine Wirkung gegen Kopfschmerzen, Erkältungen und zahlreiche andere Beschwerden zu. Selbst als Insektenschutzmittel fand Tabak Verwendung. Dass chronischer Tabakkonsum (respektive Tabakabusus) gesundheitsschädlich ist, sollte erst Jahrhunderte später ins Bewusstsein rücken.
Snus Tradition im 18. Jahrhundert – warum Schweden?
Schweden kam etwas später mit Tabak in Berührung: Die früheste Erwähnung findet sich 1601 in einem Stockholmer Zolldokument, das den Import von Tabak und Pfeifen ins Land verzeichnete.*2 Nur wenige Jahrzehnte später, 1637, brachte ein nach Stockholm zurückkehrendes Schiff die erste Tabakladung aus der schwedischen Kolonie am Delaware River mit – und legte damit den Grundstein für eine lange Snus Tradition, die Schweden bis heute prägt.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts ordnete der schwedische König Frederik I. den Tabakanbau in jeder schwedischen Stadt. Bauern begannen, gemahlene Tabakblätter mit Wasser und Salz zu vermischen, um eine feuchte Mischung herzustellen, die unter die Oberlippe gelegt wurde – Zutaten wie Bergamotte, Wacholderbeeren und verschiedene Blüten sollten dem Produkt zusätzliche Aromen verleihen.*3 Da die Tabakpflanze nur im Sommer gedeiht, kamen in dieser Zeit junge Frauen aus Kleinstädten, um auf den Tabakplantagen zu arbeiten. Mütter gaben Höfe und das dazugehörige Wissen an ihre Töchter weiter.
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Tabakblätter im Trocknungsprozess – traditioneller Tabakanbau in Schweden seit dem 18. Jahrhundert. © Bild: AdobeStock |
In weiten Teilen Europas wurde Kautabak schrittweise durch Schnupftabak und Pfeifentabak verdrängt, was den Grundstein für den späteren Siegeszug der Zigarette legte. In Schweden vollzog sich hingegen ein grundlegend anderer Wandel – feuchter, gemahlener Tabak etablierte sich zunehmend als eigenständiges Produkt: Snus. Fortan dominierte der Snuskonsum den schwedischen Markt – und an der Grundrezeptur hat sich seitdem erstaunlich wenig verändert.
Traditioneller Snus besteht aus Tabak, Wasser, Salz und Aromen. Er wird unter die Oberlippe gelegt, wo das Nikotin über die Mundschleimhaut aufgenommen wird. Moderne Nikotinbeutel funktionieren nach demselben Prinzip, kommen jedoch vollständig ohne Tabak aus.
Was ist Snus? Hier findest du alle Grundlagen.
Vom Volksprodukt zum staatlichen Monopol (1915-1961/67)
Was auf schwedischen Bauernhöfen begonnen hatte, wurde im Zuge der Industrialisierung zum Massenprodukt. Die Abwanderung in die Städte und die Arbeit in Fabriken befeuerten den Snuskonsum – gleichzeitig ermöglichte die industrielle Fertigung, die wachsende Nachfrage zu bedienen. Die Folge: Snus wurde zum Alltagsprodukt für breite Bevölkerungsschichten. 1897 zählte Schweden bereits 97 Tabakfabriken mit über 4.000 Beschäftigten – an der Spitze standen einige wenige Unternehmen und Marken, die bis heute bekannt sind – darunter etwa Ettan, General, Röda Lacket („der rote Lack") und Grofsnus („grober Snus"). Mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert weiteten sich internationalen Handelskanäle aus und Snus Märkte etablierten sich weit über Europa hinaus.
Im Jahr 1915 fand die Erfolgsgeschichte der Snus-Hersteller ein jähes Ende. Der Staat benötigte Mittel, um die Verteidigung zu stärken, die Staatskasse zu füllen und die erste Rentenreform des Landes zu finanzieren. Als Reaktion darauf wurde ein Monopol auf die Snus-Herstellung eingeführt. Da die Snus-Produktion nach wie vor zu den lukrativsten Geschäften des Landes gehörte, übernahm der Staat alle Hersteller und ihre Marken. Von den über 100 Snus-Marken, die es gab, wurden nur etwa 20 weiter produziert. Das Tabakmonopol lag in den Händen der AB Svenska Tobaksmonopolet.
Es dauerte Jahrzehnte, bis der Markt wieder geöffnet wurde. Zunächst fiel 1961 das Import- und Verkaufsmonopol, 1967 folgte das Herstellungsmonopol. Aus den Umstrukturierungen des Tabakmonopols ging schließlich 1994 das Unternehmen Swedish Match hervor. Dieses entstand durch die Zusammenführung von Svenska Tobaks AB und Svenska Tändsticks AB innerhalb der Procordia-Gruppe.*4 Heute zählen Marken wie Zyn zu den bekanntesten Produkten des Unternehmens und sprechen sowohl traditionelle als auch jüngere, tabakfreie Konsumenten an.
Snus und die EU - der schwedische Sonderweg 1993
Als Schweden 1991 den Antrag auf EU-Mitgliedschaft einreichte, stellte das 1992 von der EU verhängte Snus-Verbot die lange Snus Tradition des Landes vor eine Herausforderung. So wurde in der Richtlinie 89/622/EWG aus dem Jahr 1992 ein Verbot bestimmter Tabake zum oralen Gebrauch und ein Verbot des Verkaufs von Tabakerzeugnissen, einschließlich Snus, eingeführt.*5
Aufgrund der langen Tradition des Snuskonsums in der schwedischen Gesellschaft wurde Schweden 1993 jedoch eine Ausnahmeregelung im Beitrittsvertrag gewährt. Diese erlaubt den Verkauf und den Konsum von Snus innerhalb des Landes und wurde unter der Bedingung gewährt, dass Schweden alle erforderlichen Maßnahmen ergreift, um Snus nicht in anderen Mitgliedstaaten in den Verkehr zu bringen.
Entscheidend ist: Das Verbot gilt ausschließlich für tabakhaltige Produkte zum oralen Gebrauch. Nikotin Pouches, die auch als Nikotinbeutel oder tabakfreier Snus bekannt sind und ihren Ursprung ebenso wie traditioneller, tabakhaltiger Snus in Schweden haben, fallen nicht unter diese Richtlinie (TPD2). In vielen EU-Ländern haben sie sich in den letzten Jahren als legale, rauchfreie Alternative am Markt etabliert.
